Tagungsbericht: Wie fremd ist „Das fremde Kind“? – E.T.A. Hoffmanns Märchen neu gelesen
Gastbeitrag von Muhan Li
Am 29. und 30. Oktober 2026 fand in der Staatsbibliothek zu Berlin die Tagung Wie fremd ist ‚Das fremde Kind‘? – E.T.A. Hoffmanns Märchen neu gelesen statt, die zugleich die diesjährige Jahrestagung der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft bildete.
Anlässlich des 250. Geburtstags des Dichters rückte die Veranstaltung mit dem Märchen Das fremde Kind bewusst ein einziges Werk in den Mittelpunkt. Eröffnet wurde die Tagung von Prof. Dr. Frederike Middelhoff (Goethe-Universität Frankfurt am Main) und Prof. Dr. Thomas Wortmann (Universität Mannheim), die in ihrer Begrüßung und Einführung Einblicke in die Entstehung und Konzeption der Veranstaltung gaben und zu einer gemeinsamen, textnahen Lektüre des Märchens aus unterschiedlichen Perspektiven einluden.
Einen besonderen Rahmen erhielt die Tagung durch die Lesungen der Schauspielerin Maria Hartmann, die Hoffmanns Märchen in drei über beide Tage verteilten Teilen vortrug. Während die erste Lesung unmittelbar auf die Einführung folgte und die zweite den nächsten Tag eröffnete, bildete der abschließende Teil zugleich den Ausklang des wissenschaftlichen Programms. Mit ihrer eindringlichen und lebendigen Vortragsweise ließ Hartmann die Figuren und die fantastische Welt des Märchens vor den Zuhörenden lebendig werden.
Am ersten Tag standen zwei wissenschaftliche Vorträge auf dem Programm. Den Auftakt machte Prof. Dr. Ute Dettmar (Goethe-Universität Frankfurt am Main) mit ihrem Vortrag Fremde Kinder – fremde Geister. Romantische Kindheit zwischen Ideal und (erzählter) Wirklichkeit. Der Vortrag beschäftigte sich zunächst mit dem Kindheitsideal der Romantik. Ausgehend von der kultur- und ideengeschichtlichen Forschung wurde die semantische Aufladung von Kindheit als Figur des Anderen, insbesondere ihre Einbindung in geschichtsphilosophische Entwürfe, nachverfolgt. Der Fokus richtete sich anschließend auf Kindheit als spezifisch romantische Denk- und Diskursfigur, als Reflexions-, Transgressions- und „Kippfigur“. Im zweiten Teil stand die Verhandlung von Kindheit in literarischen Märchen und insbesondere in Hoffmanns Das fremde Kind im Mittelpunkt. Die Textanalyse nahm die unheimlichen Seiten romantischer Kindheit in den Blick, die vor allem im Motiv des Spielzeugs verhandelt werden. Romantische Kindheit erscheint, so das Fazit, nicht als ungebrochenes Gegenbild der Ein- und Ganzheit, sondern als eine Figur, in die sich bleibende Ambivalenzen einschreiben.
Im Anschluss stellte Bogdan-Gabriel Burghelea (Humboldt-Universität zu Berlin) in seinem Vortrag Überwindung des binären Systems und queere Raumsemantik in E.T.A. Hoffmanns ‚Das fremde Kind‘ (1817/19) ein Queer-Reading des Märchens vor. Ausgehend von der Naturalisierung der Geschlechterdifferenz um 1800 untersuchte er, wie geschlechtsspezifische Spielzeuge traditionelle Rollenbilder reproduzieren, während sich das fremde Kind den binären Zuschreibungen von Felix und Christlieb entzieht und damit eine normativitätskritische Umerziehung ermöglicht. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Raumsemantik der Erzählung: Anhand der Konstellation von Elternhaus, Außenwelt, Wald, Feenreich und Gnomenwelt deutete Burghelea die Grenzen zwischen Natur und Kultur sowie Realität und Phantastik als durchlässig. Das „Dazwischensein“ und die Möglichkeit von Grenzüberschreitungen spielten dabei eine wichtige Rolle. Auch das Ende des Märchens las er in diesem Sinne als Ausblick auf eine alternative, von normativen Zwängen befreite Zukunft.
Den Abschluss des ersten Tages bildete die Abendveranstaltung Vom lieben und vom wilden Walde – Das fremde Kind mit der Lyrikerin Nora Gomringer (Bamberg). In ihrer poetischen Performance näherte sie sich Hoffmanns Märchen aus der Perspektive eines „Dritten“, wie etwa des Hundes Sultan, der Mikroorganismen im Wald, der Fliege oder einer Nachbarin, und erzählte vertraute Szenen aus ungewohnten Blickwinkeln neu. Durch das Zusammenspiel von Originaltext und freien Paraphrasen, zahlreiche intertextuelle Bezüge zu Werken anderer Dichter sowie humorvolle Bildprojektionen entstand eine ebenso vielschichtige wie unterhaltsame Neuinterpretation des Märchens. Mit großer sprachlicher und schauspielerischer Ausdruckskraft verband Gomringer komische Verfremdungen und ironische Brechungen mit nachdenklichen Momenten. Das Publikum reagierte immer wieder mit herzhaftem Lachen. Den Abschluss der Performance bildete die Vorführung einer Videoaufnahme ihrer Rezitation von Heinrich Heines Gedicht Waldeinsamkeit (1851). Im anschließenden Gespräch mit Prof. Dr. Stefan Willer (Humboldt-Universität zu Berlin) kamen unter anderem die Perspektivwechsel, die Rolle der Erzählerstimme sowie die Bildungs- und Erziehungsvorstellungen des Märchens zur Sprache.
Der zweite Tag stand ganz im Zeichen der gemeinsamen Textarbeit. In einem besonderen, an universitäre Seminare erinnernden Format wurden die Teilnehmenden per Los auf drei Gruppen verteilt, um ausgewählte Textstellen unter den thematischen Schwerpunkten Natur, Materialität und Erziehung gemeinsam zu lesen und zu diskutieren. Auf diese Weise waren alle Anwesenden eingeladen, sich aktiv an der Lektüre und am Gedankenaustausch zu beteiligen.
Die von Prof. Dr. Roland Borgards und Prof. Dr. Frederike Middelhoff (beide Goethe-Universität Frankfurt am Main) sowie Prof. Dr. Thomas Wortmann (Universität Mannheim) geleitete Gruppe Natur beschäftigte sich mit dem Naturverständnis des Märchens. Zunächst wurde die Frage nach den Eigenrechten der Natur diskutiert: Indem Tiere und Pflanzen im Märchen sprechen und als eigenständige Gegenüber auftreten, lässt sich ihnen auch der Status von Rechtssubjekten zuschreiben. Das vom fremden Kind verkörperte Verhältnis zwischen Menschen und Natur wurde dabei als „Biophilie“ oder, in Anlehnung an den Begriff der Epiphanie, als „Ökophanie“ charakterisiert. Zugleich kamen die ironische Distanz der Erzählung und die bedrohlichen Seiten der Natur zur Sprache. Im Gegensatz zum fremden Kind erschien Magister Tinte beziehungsweise Pepser als Verkörperung eines verdinglichenden, auf Ausbeutung gerichteten Naturverhältnisses, wobei auch die Frage diskutiert wurde, inwiefern sich der Kampf gegen diese Ausbeutung selbst gewaltsamer Mittel bedient.
In der Gruppe Materialität, geleitet von Prof. Dr. Claudia Liebrand (Universität zu Köln) und Prof. Dr. Martina Wernli (Humboldt-Universität zu Berlin), rückten die Dinge und Materialien des Märchens in den Vordergrund. Anhand der Tinte, der Kleidung und insbesondere der mechanischen Spielzeuge wurde untersucht, wie materielle Gegenstände durch ihren Gebrauch Bedeutung gewinnen und auf das Verhalten der Figuren einwirken. Die künstliche Kleidung und die mechanischen Spielzeuge ließen dabei die vornehmen Kinder selbst beinahe wie Automaten erscheinen, während die festgelegten Spielweisen die freie kindliche Wahrnehmungs- und Vorstellungskraft zunehmend einschränken.
Die Gruppe Erziehung unter der Leitung von Prof. Dr. Stephanie Großmann (Universität Passau) und Prof. Dr. Stefan Willer (Humboldt-Universität zu Berlin) diskutierte unterschiedliche Erziehungsformen und -räume, vom Elternhaus über die „Wissenschaften“ bis hin zum Wald als Ort der Fantasie und Freiheit. Dabei wurde deutlich, dass Disziplinierung nicht nur durch Magister Tinte, sondern in anderer Form auch im vermeintlich freien Feenreich eine Rolle spielt. Neben der Bedeutung von Spiel und Übung für die Erziehung wurden auch die Frage nach dem „Fremden“ im Märchen sowie die Verbindung zwischen Erziehung, gesellschaftlicher Macht und der Enteignung der Familie am Ende der Erzählung erörtert.
Im anschließenden gemeinsamen Abschlusspodium wurden die Ergebnisse der drei Gruppen vorgestellt und weiter diskutiert. Die rege Beteiligung der Teilnehmenden und die vielfältigen, teils überraschenden Gedankenverbindungen machten die gemeinsame Textlektüre zu einem besonders lebendigen und anregenden Teil der Tagung.
Nach der Mittagspause bot sich den Teilnehmenden noch die Gelegenheit, ausgewählte Kostbarkeiten aus den Hoffmann-Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin im Original zu betrachten. Dr. Sebastian Schmideler, Leiter der Kinder- und Jugendbuchabteilung, präsentierte gemeinsam mit Ursula Jäcker, Leiterin des E.T.A. Hoffmann-Archivs, unter anderem die beiden 1816 und 1817 in der Berliner Realschulbuchhandlung erschienenen Bändchen der Kinder-Mährchen von E.T.A. Hoffmann, Friedrich de la Motte Fouqué und Carl Wilhelm Salice-Contessa in der Erstausgabe. Der erste Band erschien 1816, der zweite 1817 und enthält Hoffmanns Märchen Das fremde Kind. Einen weiteren Schwerpunkt bildeten wertvolle Originalillustrationen und grafische Arbeiten zu Hoffmanns Werken aus dem 19. und 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart, darunter Werke von Peter Carl Geissler, Lisbeth Zwerger, Klaus Ensikat, Jutta Mirtschin und Horst Janssen. Die ebenfalls anwesenden Künstler Steffen Faust und Stephan Klenner-Otto stellten ihre eigenen, in der Staatsbibliothek aufbewahrten Hoffmann-Illustrationen vor und gaben Einblicke in deren Entstehung und Gestaltung. Mit diesem Einblick in die vielfältige künstlerische Rezeption von Hoffmanns Werk fand die Tagung einen anschaulichen und stimmungsvollen Ausklang.
Tagungsbericht von Muhan Li, Doktorand am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin; mit herzlichem Dank an Prof. Dr. Ute Dettmar für die freundliche Bereitstellung einer Zusammenfassung ihres Vortrags.
















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