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Titelblatt der Dissertation von Werner Berthold

Eine Dissertation über E.T.A. Hoffmann kehrt zurück an die Staatsbibliothek

25.01.2022/2 Kommentare/in Neuerwerbungen/von HoPo-Praktikanten

Beitrag von Roman Kuhn

Es entbehrt nicht einer gewissen, durchaus erfreulichen Ironie, dass ausgerechnet eine Dissertation, die sich den Entfremdungsbegriff in den Titel schreibt, nun an die Staatsbibliothek zu Berlin zurückkehrt. Wobei „Zurückkehren“ ein in diesem Zusammenhang erklärungsbedürftiges Wort ist, war der Text doch bisher weder in unserem Bestand noch ist er 1953 in Berliner Gefilden, sondern vielmehr an der Universität Leipzig als Dissertation angenommen worden.

Die Staatsbibliothek freut sich dennoch sehr über das maschinenschriftliche Exemplar der Dissertation Werner Bertholds, das uns aus seinem Nachlass von Brita Eckert, seiner Nachfolgerin als Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933–45, überreicht wurde.

Portrait Werner Berthold

Portraitaufnahme Werner Berthold (1996). Aus dem persönlichen Nachlass ©

Werner Berthold (1921–2017)[1], Wegbereiter der Exilforschung, studierte ab 1946 in Leipzig Geschichte, Germanistik und Philosophie und begann im Anschluss ein Bibliotheksreferendariat an der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden und später der Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek Berlin (ab 1954 und bis zur Wiedervereinigung: Deutsche Staatsbibliothek). Während seines Referendariats verfasste Berthold seine Dissertation über E.T.A. Hoffmann, die damit zwar eine Leipziger Hochschulschrift bleibt, aber vielleicht in Teilen Unter den Linden entstanden ist und in diesem Sinne nun in die Staatsbibliothek zurückkehrt.

Es scheint ein weiter Weg von der Dissertation mit dem Titel Das Phänomen der Entfremdung bei E.T.A. Hoffmann zur Literatur des Exils, mit der sich Berthold, der 1957 nach Westdeutschland an die Frankfurter Nationalbibliothek ging, als Leiter des Exilarchivs beschäftigte. Ebenso scheinen zunächst literaturwissenschaftliche und bibliothekarische Tätigkeit Bertholds in zwei Richtungen zu führen, die keine Schnittpunkte aufweisen: Promotion beim Goethezeit-Experten Hermann August Korff in Leipzig und später Auf- und Ausbau der Sammlung und diverse Ausstellungen zur Exilliteratur in Frankfurt am Main. Bei genauerer Betrachtung ergeben sich allerdings doch Verbindungslinien: So stand Berthold bereits in seiner Leipziger Studienzeit in engem Kontakt mit aktiven Gegnern und Verfolgten des NS-Regimes und „aus dem Exil in Ost und West Heimgekehrten“[2], wie etwa Walter Markov oder Alfred Menzel und Ernst Bloch, bei denen die Dissertation neben Korff entstand.

Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus beschränkt sich also keineswegs auf die Beschäftigung mit Exilliteratur und hinterlässt bereits in Bertholds Dissertation ihre Spuren. Wenn er dort den „Versuch einer Grundlegung eines wissenschaftlichen, […] durch objektive Realität selbst legitimierten Hoffmannbildes“ (S. 4) unternimmt, dann wendet er sich nicht etwa aus blindem Wissenschaftsglauben gegen die interpretatorische Beliebigkeit, sondern weil sich ohne Maßstäbe und Absicherung der Ergebnisse eben auch gegen die nationalsozialistische Vereinnahmung E.T.A. Hoffmanns (Berthold verweist exemplarisch auf eine Schrift Kurt Willimcziks) nur wenig einwenden ließe.

Die Dissertation lässt sich damit auch – ohne sie darauf reduzieren zu wollen – als zeitgeschichtliches und -politisches Dokument lesen. Und umgekehrt verstand Berthold seine bibliothekarische Tätigkeit im Bereich der Exilliteratur immer auch als explizite Anregung zur Forschung: Es gehe darum, das „Material sozusagen den ‚zuständigen‘ Wissenschaftlern unübersehbar in den Weg [zu] legen, ja sie [zu] nötigen, sich in irgendeiner Weise damit auseinanderzusetzen“[3].

Bertholds Studie wollen wir der Hoffmann-Forschung, in der sie bisher kaum rezipiert wurde, vielleicht nicht gerade „in den Weg legen“, aber sie ihr doch immerhin mit auf den Weg geben und etwas zugänglicher machen, da ihr ein breiteres Publikum sicherlich nicht zuletzt deshalb verwehrt geblieben ist, weil sie zeitbedingt nur maschinenschriftlich publiziert wurde. Vielleicht beflügelt auch die erneute Konjunktur, die der Entfremdungsbegriff in den letzten Jahren erfahren hat (u.a. Jaeggi, Rosa), das Interesse.

Der Band kann in Kürze im stabikat bestellt werden.

[1] Zum Leben und Wirken Bertholds siehe Brita Eckert und Harro Kieser: „Werner Berthold (1921–2017). Wissenschaftlicher Bibliothekar und Mitbegründer der Exilforschung“, in: Exil 36.2 (2017), S. 5–20.

[2] Berthold, zit. n. ebd. S. 7.

[3] Berthold, zit. n. ebd. S. 11.

Schlagworte: Neuerwerbung, Publikation
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2 Kommentare
  1. Till Kinzel
    Till Kinzel sagte:
    04.04.2022 um 16:54

    Der Band taucht übrigens bis heute (4. April 2022) nicht im Stabikat auf. Vielleicht ließe sich ja ein Digitalisat erstellen.

    Antworten
    • Ursula Jäcker
      Ursula Jäcker sagte:
      04.04.2022 um 17:21

      Lieber Herr Kinzel,
      vielen Dank für Ihre Nachricht. Der Band befindet sich momentan noch im Geschäftsgang. Ich hoffe, dass er bald zur Verfügung steht! Wenn Sie uns über das Kontaktformular (https://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/kontakt/) Ihre Mailadresse mitteilen, werden wir gerne eine Vormerkung eintragen. Eine Digitalisierung ist leider nicht ohne Weiteres möglich, da Prof. Berthold 2017 gestorben ist und das Buch daher noch urheberrechtlich geschützt.
      Beste Grüße
      Ursula Jäcker

      Antworten

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