CFP: Writing Angst: The Gothic / Schauerliteratur in Scotland and Germany from 1800 until Today”, Universität Göttingen/TU Dresden (1.3.2024)

Göttingen University, September 4-6, 2024

Call for Papers: March 1, 2024

Few literary genres are better suited to give voice to cultural, social and political anxieties in periods of collective crises and disorientation than the Gothic, or Schauerliteratur. In our own age of wars, climate catastrophe and economic recession, the gothic format seems more than ever apt for the expression of all forms of angst. Looking at the development of the two literary traditions in Scotland and Germany one notes major differences in the development of the genre. During the initial period around 1800 there was an intense interest in German Schauerliteratur and the German folktale tradition in Scotland. In Scottish literature the oeuvres of Robert Burns, James Hogg, Walter Scott indicate the beginning of an uninterrupted Gothic tradition. It was continued by the intertexual reaffirmation of canonical works through later rewritings as well as by innovative new explorations of the genre through crossings with crime fiction and science fiction. In Germany, however, Schauerliteratur remained a period phenomenon and was never taken seriously as a literary genre again after high romanticism. It has recently been rediscovered as an innovative medium.

The conference takes its cue from a collaboration between the English Literature department of the University of Göttingen, the German department of Dresden University of Technology, and The School of Critical Studies at Glasgow University. It is co-hosted by Göttingen University and the TU Dresden and aims at looking at historical and contemporary examples of the Gothic / Schauerliteratur in both national traditions. A particular focus will be on practitioners of the genre in Scotland and Germany with a view to discussing their works. Sessions will be in English and German, which is why our CFP comes in two parts, addressing different but related questions in the Scottish and German tradition.

We invite proposals for papers of 20 minutes relating (but not exclusive) to the following questions:

  • What are the distinctive markers of the Gothic in both national traditions?
  • What is the connection between the Gothic, on the one hand, and folklore and national identity on the other?
  • Which forms, tropes and motifs does the Gothic offer for expressing cultural anxieties?
  • Bodies and place are distinctive sites for Gothic fears: how do they relate to particular historical events, scientific findings and cultural movements / moments?
  • What genres have been influenced by the Gothic or owe their existence to the Gothic?
  • How has the translation of Gothic texts from each of the two literatures into the other furthered cultural transfer and the development of the genre?

 

Die deutschsprachige Schauerliteratur erfuhr um 1800 eine produktive Hochphase. Schiller und Goethe veröffentlichten Spuknovellen in der Thalia und den Horen, Ludwig Tieck und E.T.A. Hoffmann loteten finstere Abgründe in Märchen und Nachtstücken aus und Populärschriftsteller:innen wie Carl Grosse, Heinrich Spieß, Benedikte Naubert oder Friedrich Laun verfassten zahllose Schauerromane und Gespensterbücher. Und doch traten diese vielgelesenen Horrorwerke danach kaum einmal aus den Grüften und Verließen heraus, in die sie von den hochliterarischen Großformationen Aufklärung, Klassik und Romantik verbannt wurden. Von einer deutschen Tradition des literarischen Schauers kann also im Vergleich zur anglo-amerikanischen und schottischen Gothic Literature keine Rede sein. Zu fragen ist daher gerade vor dem Hintergrund einer notorischen hochliterarischen Ignoranz, weshalb die erst im Entstehen begriffene populäre Literatur ausgerechnet in der Literarisierung von Angst beim Publikum derartig an Konjunktur gewinnen konnte und warum gerade um 1800. Weshalb hatte eine Textsorte derart viele Leser:innen (und Autor:innen), die das negative Gefühl von Furcht und Schrecken zum Gegenstand und Effekt ihrer Lektüren machte? Was war das überhaupt für eine Emotion, die um 1800 zum literarischen Thema wurde und in Lektüren erregt werden sollte? Unterscheidet sie sich von literarischer Angst heute? Wenn ja: Wie kann die Relation zwischen Angst und Literatur genauer bestimmt werden und inwiefern lässt sich Angst überhaupt literaturwissenschaftlich erforschen? Denn auch wenn Schauerliteratur wieder zunehmend literaturhistorische Anerkennung findet und Angst angesichts der Erfahrung multipler Krisen ein bestimmendes Thema der Gegenwartsliteratur zu stellen scheint, sind soziokulturell und historisch situierte Furcht und Schrecken als Ausgangspunkt und Ziel von Literatur noch immer in Dunkelheit gehüllt. Produktiv erscheint uns daher gerade der vergleichende Dialog von Beiträgen zur Gothic Novel und zur Schauerliteratur.

Wir freuen uns über 20-minütige literatur- und kulturwissenschaftliche Beiträge, die der literarischen Auseinandersetzung mit Angst in unterschiedlichen Zeit- und Raumkontexten seit dem 18. Jahrhundert gewidmet sind und dabei beispielsweise folgenden Fragen nachgehen:

Wie lässt sich die Literarisierung von Angst, vor allem in (populär-)ästhetischen Formen genauer beschreiben?

  • Welche Erzählweisen und Verfahren, welche Genre- und Medienkonstellationen,
  • welche Begriffsdifferenzierungen und/oder welche philosophischen Austauscheffekte (ästhetische Theorie–literarische Praktik) sind dabei relevant?
  • Wie lässt sich die Historizität literarischer Angst in Formen und Anlässen rekonstruieren?
  • Welche zeitspezifischen Diskurse spielen eine Rolle?
  • In welchen kulturellen Ermöglichungszusammenhängen und Wissenskontexten vollziehen sich Literarisierungen von Angst?

To apply, send a 300-word abstract (in English or German) and a brief bionote to

Hiwiangl@gwdg.de and Jakob.baur@tu-dresden.de by Friday, March 1, 2024.

Travel and Accomodation costs for the speakers can be covered on a pro rata basis. The conference is a cooperation between Göttingen University and TU Dresden (DFG-Projekt „Schauergeschichten. Angst und ihre literarischen Emotionalisierungspraktiken um 1800“, Prof. Dr. Lars Koch).

Zur Bewerbung senden Sie bitte eine knappe Skizze Ihres Beitragsvorschlags (300 Wörter; Deutsch oder Englisch) sowie eine Kurzbiographie an

Hiwiangl@gwdg.de und Jakob.baur@tu-dresden.de by Friday, March 1, 2024.

Für die Vortragenden können die Reise- und Übernachtungskosten anteilig übernommen werden. Die Tagung ist eine Kooperation der Universität Göttingen und der TU Dresden (DFG-Projekt „Schauergeschichten. Angst und ihre literarischen Emotionalisierungspraktiken um 1800“, Prof. Dr. Lars Koch).

Contact Information

Prof. Dr. Lars Koch, Medienwissenschaft und NDL, TU Dresden

Contact Email

lars.koch@tu-dresden.de

Romantikforschung Universität Frankfurt am Main

„Fragmente aus der Zukunft“: Ein Kolloquium zur Romantikforschung

Tagung am 18. und 19. Januar 2024
Goethe-Universität Frankfurt

Im 22. Athenäum-Fragment definiert Friedrich Schlegel den Begriff „Projekt“. Laut Schlegels Auffassung, in der frühromantische Dialektik und epigenetisch-progressive Theorie miteinander verschränkt werden, ist ein Projekt „der subjektive Keim eines werdenden Objekts“ oder auch: ein „Fragment[] aus der Zukunft“ (KFSA II 1967, S. 168). Wer ein Projekt verfolgt, müsse in der Lage sein, Idealisierung und Realisierung, Komplementierung und Applikation gleichzeitig zu adressieren. Das geplante Kolloquium zur Romantikforschung möchte sich dieses Verständnis des Projekts als Arbeit an Fragmenten zur Maßgabe machen und lädt dazu Romantikforschende ein, ihre Entwürfe, Ideen, Schreibproben und (noch) fragmentarischen Arbeitsergebnisse als „Fragmente aus der Zukunft“ im Rahmen regelmäßig stattfindender Kolloquiumstreffen zu diskutieren.

Das Kolloquium dient einerseits dem Austausch und der Vernetzung zwischen etablierten und early-career Romantikforschenden und zielt andererseits darauf ab, Projekte und Forschungsbeiträge zur Romantikforschung in einem geschützten Raum vorstellen und mit einschlägigen Wissenschaftler:innen besprechen zu können. Das Format ist daher offen und vielfältig bespielbar: Präsentiert und diskutiert werden können u.a. Forschungsvorhaben, Primärtexte, Kapitel aus Abschlussarbeiten, Aufsatzentwürfe usw.

Organisation:

Frederike Middelhoff (Goethe-Universität Frankfurt)
Dominik Zink (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg)

18.01.2024
Goethe Universität Frankfurt, Campus Westend, IG-Farben-Haus, Raum 1.314

Ab 11:45 Ankommen

12:15-12:30 Begrüßung: Frederike Middelhoff (Frankfurt) & Dominik Zink (Freiburg)

Moderation: Frederike Middelhoff

12:30-13:30 Raphael Stübe (Frankfurt): Fear of Missing out. Romantik und Zerrissenheit am Beispiel von Nikolaus Lenau (Impulsvortrag mit Materialdiskussion)

13:30-14:30 Maximilian Kloppert (Köln): „Handschrift-Bild“. Die Materialität der Handschrift um 1800 (Projektvorstellung)

14:30-15:00 Pause

Moderation: Martina Wernli (Zürich)

15:00-16:00 Cosima Jungk (Mainz): Netzwerk. Friedrich und Dorothea Schlegel 1811–1814 in erschlossenen Briefen (Projektvorstellung)

16:00-17:00 Janina Endner (Köln/Frankfurt): Brentanos Gustav Wasa als Modell performativer Literaturkritik (Projektvorstellung)

17:00-17:30 Pause

Moderation: Roland Borgards (Frankfurt)

17:30-18:30 Thomas Wortmann (Mannheim): Rollback? Eichendorff-Bilder in der Romantik-Forschung (Impulsvortrag mit Materialdiskussion)

20:00: Abendessen

19.01.2024
IG-Farben-Gebäude, Raum 1.418

Moderation: Christiane Holm (Halle-Wittenberg)

9:00-10:00 Daniela Henke (Gießen): Leben und Ästhetik. Der Lebensbegriff im romantischen Denken und in Rahel Levin Varnhagens Briefen (Projektvorstellung)

10:00-11:00 Nico Imhof (St. Gallen/Frankfurt): „Es steht jetzt Alles mit der Höll’ im Bunde“: Romantische Faust-Adaptionen im literarischen Feld um 1800 am Beispiel von Ludwig Tiecks Anti-Faust (Projektvorstellung)

11:00-11:30 Pause

Moderation: Barbara Thums (Mainz)

11:30-12:30 Van Hong Le (Hanoi/Frankfurt): Die Natur der Romantik im Wechsel der Jahreszeiten. Ein kontrastiver Vergleich der deutschen und vietnamesischen Naturlyrik der Romantik (Exposé und Kapitel der Dissertation)

12:30-13:30 Franziska Bergmann (Erlangen-Nürnberg): E.T.A. Hoffmanns Der goldene Topf. Exotische Pflanzen in der westeuropäischen Literatur und Kultur des 19. Jahrhunderts (Projektvorstellung)

13:30-15:00 Mittagspause

Moderation: Dominik Zink

15:00-16:00 Tabea Lamberti (Jena): Romantische Allusionen bei Christa Wolf (Projektvorstellung)

16:00-17:00 Nathan Taylor (Frankfurt): Theses on Tendency. Contemporary Literature with Schlegel (Materialdiskussion)

 

Alle Informationen online: https://romantikforschung.uni-frankfurt.de/fragmente-aus-der-zukunft/

Kontakt:

Prof. Dr. Frederike Middelhoff (W1-Professur für Neuere Deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Romantikforschung)
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik
Campus Westend
IG-Farben-Haus
Norbert-Wollheim-Platz 1
60329 Frankfurt am Main

middelhoff@em.uni-frankfurt.de

https://www.uni-frankfurt.de/Middelhoff

Das nächste Forschungskolloquium findet am 14. und 15.11.2024 an der Universität Freiburg statt (save the date!). Bei Interesse an einer Teilnahme (jedweder Art) freuen wir uns über eine Nachricht an dominik.zink@germanistik.uni-freiburg.de und middelhoff@em.uni-frankfurt.de.

 

E.T.A. Hoffmann Tagung 2023 | SBB-PK CC BY-NC-SA 3.0

Tagungsbericht: E.T.A. Hoffmann – Rezeption, Adaption, Interpretation. Jahrestagung der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft

von Agathe Duperron (MA, Universität Heidelberg)  und Emily Patzer (BA, Freie Universität Berlin)

 

Am 2. und 3. November 2023 fand in Berlin die internationale Jahrestagung der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft statt, die sich mit den Themen „Rezeption, Adaption und Interpretation“ auseinandersetzte. Am ersten Tag standen die Schwerpunkte Übersetzung, Hörspiel und Film im Zentrum. Blagovest Zlatanov[i] (Universität Heidelberg) befasste sich in seinem Beitrag mit E.T.A. Hoffmanns Rezeption im Bulgarien der Zwischenkriegszeit, wobei er den Begriff des Ruhmtransfers ins Zentrum seiner Überlegungen stellte. Neben der romantischen Renaissance, die Bulgarien in den 1920er- und 1930er-Jahren erlebte, war vor allem die Adaption Hoffmanns durch andere, in Bulgarien viel gelesene Texte Grund für Hoffmanns literarischen Ruhm. Beispielhaft zu nennen sind die Autoren Fjodor Dostojewski, Hugo von Hoffmannsthal und Iwan Turgenjew, die von Hoffmann, dem Meister des Übernatürlichen, beeinflusst waren. Die Rezeption in der Zwischenkriegszeit ist durch die nachfolgende Generation bulgarischer Autorinnen und Autoren, die aufgrund ihrer Sprachkenntnisse Hoffmann im Original lesen konnten, vorangetrieben worden.

E.T.A. Hoffmann Tagung 2023 - Vortrag Ingrid Lacheny | SBB-PK CC BY-NC-SA 3.0

E.T.A. Hoffmann Tagung 2023 – Vortrag Ingrid Lacheny | SBB-PK CC BY-NC-SA 3.0

Die zweite Referentin, Fiona O’Donnell (Université de Toulouse), thematisierte die hybride Leseerfahrung und die visuelle Gestaltung des Fantastisch-Grotesken in Tristan Bonnemains illustriertem Buch Dans la nuit d’E.T.A. Hoffmann. Tristan Bonnemain, Illustrator und Künstler aus Marseille, brachte das Buch 2022 im Typhon Verlag heraus, Philippe Forget lieferte die Übersetzung ins Französische. In dieser Publikation wirken Bild und Wort gleichberechtigt zusammen und ermöglichen so der Leserschaft eine hybride Leseerfahrung. Das Illustrieren einer Erzählung stellt, genau wie eine Übersetzung, einen Akt der Interpretation dar, wodurch wiederum die Rezeption beeinflusst werden kann. Das Groteske – ein zentrales Motiv bei Hoffmann – kann als ästhetische Kategorie verstanden werden. Fiona O’Donnell beschrieb das visuelle Zusammenwirken von Text und Illustration, die dadurch evozierten Emotionen sowie die intendierte Führung der Lesenden am Beispiel einer gezeichneten Treppe, die der Sandmann besteigt. Das erste Panel schloss mit dem Vortrag von Ingrid Lacheny (Université de Lorraine), die der Frage nachging, ob man Hoffmann beim Übersetzen ins Französische verrate oder verrate. „Verraten“ könne einerseits im Sinne eines Erklärens oder Aufdeckens verstanden werden und andererseits als Untreue an der Sprache durch das Übersetzen. Die Referentin wählte für das 19. bis 21. Jahrhundert jeweils eine bekannte Übersetzung aus, an der sie die grundsätzlichen Schwierigkeiten des Übersetzens illustrierte. Im 19. Jahrhundert übersetzte erstmals François-Adolphe Loève-Veimars Texte von E.T.A. Hoffmann, wobei er den Geschmack des französischen Publikums und seine eigenen Vorlieben stärker gewichtete als die Akkuratheit der Übersetzung und somit dem Original zugunsten einer Orientierung am Zielpublikum untreu wurde. Als Vertreterin der Methode, dem Original so treu wie möglich zu bleiben, kritisierte Madeleine Laval, eine Übersetzerin des 20. Jahrhunderts, ihren Vorgänger: Dieser habe Hoffmann mit seiner freien Übersetzung verkannt. Philippe Forget, der jüngst für die Illustrationen von Tristan Bonnemain eine neue Übersetzung Hoffmann’scher Texte vornahm, legte ebenfalls Wert auf einen ausgangssprachlichen Schwerpunkt.

Das zweite Panel wurde durch Beata Kornatowska (Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu) eröffnet. Sie analysierte Hoffmann-Adaptionen im polnischen Hörspiel, wobei sich das Medium als tiefgreifende Interpretation eines Textes erweist. Im Hörspiel werden bis ins Detail Stimmfarben der Sprecherinnen und Sprecher, dramaturgische Fragen, Musikauswahl oder auch Fragen der Darstellung einer Figurenentwicklung durchdacht und inszeniert. Am Beispiel dreier Adaptionen stellte sich heraus, dass nicht zuletzt das Medium dazu auffordert, Entscheidungen im Umgang mit dem Originaltext zu treffen, die wiederum eine eigene Interpretation darstellen. Eine besondere Stärke der Radioadaption ist das logozentrische Moment, das eine einzigartige Intimität herstellt.

Die beiden letzten Beiträge beleuchteten Adaptionen des Hoffmann’schen Werkes im Film. Sotera Fornaro (L’Università degli Studi della Campania) diskutierte Christian Petzolds Film Undine (2020) und seine Referenzen auf Hoffmanns gleichnamige Oper. Petzold siedelt das Geschehen in der Gegenwart in Berlin an. Undine ist eine Historikerin, die bei Führungen unter anderem über die berühmten Schinkel-Bauten spricht – jener Schinkel, der auch für die Uraufführung von Hoffmanns Oper 1816 das Bühnenbild entworfen hat. Diese und mehr Parallelen und Querverweise stellte Fornaro in ihrem Vortrag vor und schloss mit der Deutung, dass das Schicksal Undines im Film mit dem Schicksal der Stadt Berlin parallel gesetzt werde.

Das Panel beschloss Corinna Schlicht (Universität Duisburg-Essen) mit einer Analyse von David Lynchs Film Lost Highway (1997), in der sie dessen Parallelen zu Hoffmanns Sandmann aufzeigte. Das Thema des Films ist die Ermordung der Liebespartnerin durch den Protagonisten, woraufhin der Mörder dissoziiert und einen eigenen Doppelgänger seiner selbst hervorbringt. Neben dem Ehepaar fungiert ein „Mystery Man“ als unheimlicher, das Geschehen lenkender Dritter und greift so die Rolle der Figur Coppelius/Coppola in Hoffmanns Sandmann auf – so Schlicht. Die entscheidende Parallele machte die Referentin an der Konstitution des Wahnsinns bzw. der psychischen Krise der männlichen Hauptfiguren fest: die Enge des bürgerlichen Lebensentwurfes.

E.T.A. Hoffmann Tagung 2023 – Filmvorführung „Zauber um Zinnober“ – Podiumsdiskussion | SBB-PK CC BY-NC-SA 3.0

Das Abendprogramm bestand in der Filmvorführung der DEFA-Verfilmung „Zauber um Zinnober“ von Celino Bleiweiß (1983) mit anschließender Podiumsdiskussion mit Dennis Schäfer (Princeton University), Dr. Stephanie Großmann (Universität Passau), Dr. Elizabeth Ward (Universität Leipzig) und Dr. Anett Werner-Burgmann (Universität Köln).

Der zweite Tag begann mit einer Präsentation des neuen Kurators des Hoffmann-Hauses in Bamberg, Boris Roman Gibhardt, der derzeit in Zusammenarbeit mit einem Architekten und einer Gestaltungsfirma die Räumlichkeiten im Hinblick auf die geplante Wiedereröffnung im Jahre 2026 neu konzipiert. Gibhardt stellte die vier Hauptpfeiler des Projekts vor: Das neue Haus wird nicht nur Hoffmanns Biografie, sondern auch bedeutsame Hoffmann’sche Themen präsentieren, die insbesondere einen starken Bezug zur Gegenwart hervorheben werden. Im Zentrum sollen dabei die Fantasiestücke stehen, da die erste Sammlung in Bamberg verfasst und veröffentlicht wurde. Damit die neue Dauerausstellung ein breites Publikum in und außerhalb Deutschlands anspricht, soll die Rezeption von Hoffmann in der populären Kultur hervorgehoben werden. Das Hauptziel besteht darin, komplexe und fachliche Inhalte leicht verständlich zu formulieren. Die Ausstellung strebt danach, ein Erlebnis für die Besucherinnen und Besucher zu bieten, wofür Hoffmanns Poetenstübchen als Highlight sowohl als wirklicher als auch als fiktionalisierter Ort inszeniert wird. Während der Interimsphase sind mediale Angebote wie ein Podcast mit Interviews von verschiedenen Personen, die sich mit Hoffmann beschäftigen, geplant.

Es folgte das zweite Panel zu den Medialen Adaptionen. Elena Giovannini (Università del Piemonte Orientale) hielt einen Vortrag über die Graphic Novel Sandmann von Michael Mikolajczak und Jacek Piotrowski (Leipzig 2019), eine intermediale Literaturadaption des gleichnamigen Texts Hoffmanns. Sie erläuterte Beispiele für formale und inhaltliche Abweichungen vom Original, wie beispielsweise die Kompensation der fehlende Briefform durch die visuellen Markierungen unterschiedlicher Perspektiven und die grundlegenden Eingriffe in das Sujet, indem Clara und Nathanael ein Ehepaar bilden. Als Kern dieser Adaption arbeitete Giovannini die Darstellung der Psychopathie heraus, was sie an der Konzeption der Figur Olympia und verschiedener intertextueller Referenzen auf die bildende Kunst exemplifizierte. Die Graphic Novel zeichnet sich durch geschickte Kombination und Montage aus und stellt somit eine gelungene kreative Adaption in ein neues Medium dar.

Julian Lembke (ENS de Lyon) widmete sich drei musikalischen Bearbeitungen des Sandmanns, die unterschiedliche Perspektiven auf den Ausgangstext bieten. Die erstmals 1991 aufgeführte Oper Heaven Ablaze In His Breast von Judith Weir und Ian Spink kann in ihren klanglichen Überlagerungen als Palimpsest beschrieben werden. Ihre Inszenierung vereint zeitgenössischen und klassischen Tanz und greift das Doppelgängermotiv auf. Die Oper The Sandmann (2002) Thomas Cabaniss und Douglas Langworthy, stellt laut Lembke zugleich eine Hommage an Hoffmann als auch eine radikale Neuinterpretation seines Werks dar. Für Andrea Lorenzo Scartazzinis und Thomas Jonigks Der Sandmann (2012), einer Oper für junge Erwachsene, stellte Lembke heraus, wie sie die Originalhandlung variiert und insbesondere die trügerische Natur der Figuren verstärkt.

Im Panel „Textanalyse – Looking close“ argumentierte Dorothee Ostmeier (University of Oregon) in ihrer Interpretation von Meister Floh, dass Hoffmann durch die affirmative Darstellung neuer wissenschaftlicher Instrumente wie Linsen, Mikroskope oder Fernrohre in einen Diskurs über die technologische Revolution des 17. und 18. Jahrhunderts eingebunden ist. Diese Objekte erweiterten zwar die Denkmöglichkeiten des Menschen, aber Hoffmann weigert sich in seiner Erzählung, die Denkmuster seiner Zeit kritiklos zu akzeptieren, so Ostmeier. Er reflektiert die dominierende Stellung des Menschlichen im Vergleich zum Nicht-Menschlichen (Automat oder Tier), damit zeigt er nicht nur sein Interesse am technischen Fortschritt, sondern kritisiert auch den Allwissenheitsanspruch der Aufklärung.

Sebastian Speth (Universität Münster) widmete sich der juristischen Perspektive auf das literarische Schaffen Hoffmanns. Anhand der Elixiere des Teufels hob er hervor, dass großes Interesse an der menschlichen Seele hatte und sich u.a. mit der Frage nach der Willensfreiheit während des Strafprozesses auseinandersetzte. Hoffmann scheint sich mit Schaumanns Ideen zu einer Kriminalpsychologie (Halle 1792) auseinandergesetzt zu haben, in dem der Philosoph die Taten von Verbrecherinnen und Verbrechern aus einer anderen Perspektive betrachtet. Die Figur des Delinquenten Medardus stellt in dieser Hinsicht einen kriminalpsychologisch anspruchsvollen Fall dar, da dieser unter Gedächtnislücken leidet und in seiner Fantasie lebt. Hoffmann versetzt damit die Lesenden implizit in eine richtende Position, in der sie darüber entscheiden sollen, ob der Bericht des Medardus wahr ist oder nicht.

E.T.A. Hoffmann Tagung 2023 - Lesung Steffen Faust | SBB-PK CC BY-NC-SA 3.0

E.T.A. Hoffmann Tagung 2023 – Lesung Steffen Faust | SBB-PK CC BY-NC-SA 3.0

Ihren krönenden Abschluss fand die Tagung mit Steffen Fausts (Freier Illustrator, Berlin) Lesung von E.T.A. Hoffmanns Der goldne Topf, in der er 30 seiner bestechenden und luziden Illustrationen zum Text präsentierte.

Bilanzierend lässt sich sagen, dass die exzellenten Vorträge der beiden Tage ganz im Zeichen des Tagungsthemas standen. Sie verfolgten sowohl historische, inter- und transmediale sowie übersetzungstheoretische Fragestellungen und bildeten die Grundlage für äußerst fruchtbare Plenumsdiskussionen. E.T.A. Hoffmann, der Meister des Fantastisch-Grotesken, strahlt noch immer vielfältig in unsere Gegenwart hinein.

 

 

 

[i] Da Prof. Zlatanov nicht persönlich teilnehmen konnte, wurde sein Vortrag in Abwesenheit verlesen.

 

Tagungsprogramm

 

Die Tagung fand in Kooperation mit der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft und der Université de Lorraine – CEGIL statt.

 

„Je est un autre“ – Der Doppelgänger in Literatur und Film

Tagung am 14. und 15. Dezember 2023 am Institut für Romanistik

Donnerstag, 14. Dezember 2023

09:30 – ERÖFFNUNG

10:00 – KEYNOTE

Gerald BÄR (Univ. Aberta und CECC / Univ. Católica Portuguesa)
Performative Aspekte von Spaltungsphantasien: vom Doppelgänger zum Avatar

11:30 – Laura LAZARESCU-THOIS (Bukarest)
Die Doppelgängerin im Film. Bevorzugte Themen, Klischees, Vorurteile

12:00 – Boris Roman GIBHARDT (Berlin)
Widergänger | Wildgänger Identitätswechsel und Tier-Mensch-Hybride bei E.T.A. Hoffmann und Théophile Bra

12:30 – Noëlle MILLER (Wien)
Gekreuzigt, gestorben und neu ausgelegt. Der Sohn als Schöpfer des ästhetischen Porträts Houellebecqs

13:00 Pause

15:00 – Traian-Ioan GEANĂ (Bukarest)
Zwischen Zufälligkeit und Notwendigkeit: Zur Synchronizität und zur Funktion des Doppelgängers in Krzysztof Kieślowskis La double vie de Véronique

15:30 – Leena EILITTÄ (Helsinki)
Der Doppelgänger in Charly Delwarts Que ferais-je à ma place?

16:00 – Jan RHEIN (Flensburg)
Doppelgänger intermedial: José Saramagos Roman O Homen Duplicado (2002) und Dennis Villeneuves Film Enemy (2013)

16:30 Pause

17:00 – Jörg TÜRSCHMANN (Wien)
Reinkarnation im Film: Café de Flore von Jean-Marc Vallée

17:30 – Ludger SCHERER (Bonn)
Doppelgänger bei Italo Calvino und im Märchen

 

Freitag, 15. Dezember 2023

10:00 – Santiago CONTARDO (Wien)
The author’s author. Ralph Waldo Emerson und das Autorenwuchern in einer textualisierten Welt

10:30 – Alina ANTONOV (Leipzig)
Das Autoren-Alter Ego als transfiktionaler Sonderfall des Doppelgängers in der literarischen Moderne. Gottfried Benns Experimentalräume des ambivalenten Künstlersubjektes

11:00 – Jutta FORTIN (Klagenfurt)
Autobiografische Projektion Alain Fleischers Moi, Sàndor F. (2009)“

11:30 Pause

12:00 – Bettina RABELHOFER (Graz)
Zwischen Unsterblichkeitssehnsucht und Verfolgungswahn. Psychoanalytische und literarische Annäherungen an Spiegel, Schattenexistenzen, Heimliches und Unheimliches, Sterbliches und Unsterbliches

12:30 – Charleena SCHWEDA (Nürnberg)
„The Children of Her Rage“: Doppelgängerinnen als Spaltung des Selbst im Horrorfilm

13:00 Pause

15:00 – Nicole BRANDSTETTER (München)
Das doppelte Ich – Simulation von Identität und Authentizität im Roman L’anomalie von Hervé Le Tellier

15:30 – Martina SCHÖNBÄCHLER (Zürich)
Fragmentation und Kooperation. Doppelgänger:innen – von Amphitryon über Fight Club bis Tully

16:00 – Stefan SONNTAGBAUER (Wien)
Logik des Culture Clash – Bram Stokers Dracula als Doppelgänger-Roman

16:30 Pause

17:00 – Simon PRAHL (Frankfurt am Main)
Car Je est un autre. Arthur Rimbauds Ich-Spaltung im Kontext einer dérèglement de tous les sens

17:30 – Oliver B. HEMMERLE (Mannheim)
Monty und Churchill: Reale und imaginierte Weltkriegsdoppelgänger zwischen Fakt, Fiktion und Zensur in (Memoiren-)Literatur und Film

Die Veranstaltung findet im Sitzungssaal ROM 14 statt.

 

Weitere Informationen: https://romanistik-veranstaltung.univie.ac.at/

 

 

 

Auf E.T.A. Hoffmanns Spuren – Studienreise nach Polen vom 2. bis 9. September 2024

Die E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft und das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg, in Vertretung von Frau Agata Kern, planen für den 2. bis 9. September 2024 eine achttägige Busreise zu ausgesuchten polnischen Städten auf den Spuren E.T.A. Hoffmanns. Nach einer individuellen Anreise beginnt die Abfahrt in Berlin und endet auch dort.
Reiseziele sind die Städte Posen (Poznan), Warschau, Płock, und Gnesen (Gniezno). Übernachtungsmöglichkeiten in Hotels werden in Posen, Warschau, Gnesen und Berlin angeboten. Die Studienreise wird verschiedene Facetten des Lebens und künstlerischen Wirkens E.T.A. Hoffmann in Polen im Rahmen von Stadtführungen und Vorträgen beleuchten. Zum Ende der Reise ist ein Abschiedsessen im Restaurant Lutter&Wegner am Gendarmenmarkt in Berlin geplant.
An dieser Busreise können alle daran interessierten Personen teilnehmen.

Anmeldung folgt bei:

Jörg Petzel, Vizepräsident der E.T.A. Hoffmann Gesellschaft
Düsseldorfer Str. 14
10719 Berlin
Telefon: 030-2785622
E-Mail: joergpetzel@web.de

Programm

Montag, den 2. September 2024
Individuelle Anreise nach Berlin, Abfahrt um 11:00 Uhr: Berlin – Glogau/Głogów (Besichtigung) (281 km) –
Posen/Poznań (123 km)
Übernachtung in Posen
Dienstag, den 3. September 2024
Auf den Spuren von E.T.A. Hoffmann in Posen
Übernachtung in Posen
Mittwoch, den 4. September 2024
Posen – Warschau (311 km), Stadtführung am Nachmittag
Übernachtung in Warschau
Donnerstag, den 5. September 2024
Auf den Spuren von E.T.A. Hoffmann in Warschau
Übernachtung in Warschau
Freitag, den 6. September 2024
Warschau – Plock/Płock (Besichtigung) (115 km) – Gnesen/Gniezno (Besichtigung) (169 km)
Übernachtung in Gnesen
Samstag, den 7. September 2024
Gnesen – Berlin (322 km), evtl. Nachmittagsprogramm in Berlin
Übernachtung in Berlin
Sonntag, den 8. September 2024
Auf den Spuren von E.T.A. Hoffmann in Berlin, Abschiedsabendessen im Restaurant „Lutter & Wegner“
Übernachtung in Berlin
Montag, den 9. September 2024
Individuelle Abreise

(Änderungen vorbehalten)

Ungefährer Preis: ca. 900 €

 

Anmeldung
Jörg Petzel, Vizepräsident der E.T.A. Hoffmann Gesellschaft
Düsseldorfer Str. 14
10719 Berlin
Telefon: 030-2785622
E-Mail: joergpetzel@web.de

 

Weitere Informationen
Pressemitteilung des Ostpreußischen Landesmuseums zur Polenreise

 

 

 

‚Zauber um Zinnober‘ – Filmvorführung mit Podiumsdiskussion

‚Zauber um Zinnober‘ (Celino Bleiweiß), DEFA 1983
Filmvorführung mit Podiumsdiskussion

Vor 40 Jahren – an Weihnachten des Jahres 1983 – wurde der DEFA-Film ‚Zauber um Zinnober’ erstmals im Fernsehen ausgestrahlt. In diesem DDR-Märchenfilm führte Celino Bleiweiß Regie – Henry Hübchen spielte die Rolle des Violinisten Vincent. Als Grundlage für das Drehbuch diente E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen „Klein Zaches, genannt Zinnober“ (1819).

Im Anschluss diskutiert der Germanist Dennis Schäfer (Princeton University) mit den Filmexpertinnen Dr. Anett Werner-Burgmann (Universität zu Köln) und Elizabeth Ward (Universität Leipzig) sowie der Germanistin Dr. Stephanie Großmann (Universität Passau).

Mit kleinem Weinempfang.

Termin:

Donnerstag, 2. November 2023
19 Uhr

Veranstaltungsort:

Staatsbibliothek zu Berlin
Otto-Braun-Saal
Potsdamer Straße 33
10785 Berlin

Anmeldung erbeten

Die Veranstaltung ist kostenfrei.

Eine Veranstaltung im Rahmen der Jahrestagung der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft
in Kooperation mit der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft und der Université de Lorraine – CEGIL

 

E.T.A. Hoffmann Tagung 2023 | SBB-PK CC BY-NC-SA 3.0

E.T.A. Hoffmann – Rezeption, Adaption, Interpretation. Jahrestagung der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft

In diesem Jahr findet die internationale Jahrestagung der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft in der Staatsbibliothek zu Berlin statt. In drei Panels rund um „Rezeption, Adaption und Interpretation“ werden Forschungen zu medialen Bearbeitungen (Hörspiel, Film, Comic, Oper), Übersetzungen und zur Bildgestaltung sowie transdisziplinäre Textanalysen vorgestellt und diskutiert.

Am Donnerstag um 19 Uhr wird der DEFA-Film „Zauber um Zinnober“ (1983) mit einer Podiumsdiskussion präsentiert (Teilnehmende der Tagung sind automatisch zur Filmvorführung angemeldet).

Zum Abschluss der Tagung am Freitag hält der Berliner Künstler Steffen Faust eine „Lesung mit Illustrationen“.

Tagungsprogramm

Termin:

Donnerstag, 2. November 2023, 12.30-17.15 Uhr (Filmvorführung 19-21 Uhr)
Freitag, 3. November 2023, 9.30-15 Uhr

Veranstaltungsort:

Staatsbibliothek zu Berlin
Potsdamer Straße 33
10785 Berlin
Registrierung am Donnerstag vor dem Simón-Bolívar-Saal

Anmeldung:

bis 24. Oktober 2023 unter blog.sbb.berlin/termin/eta-hoffmann-jahrestagung-2023

Die Veranstaltung ist kostenfrei.

Die Vorträge werden zum Teil per Webex online übertragen. Weitere Informationen folgen.

Eine Kooperation mit der E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft und der Université de Lorraine – CEGIL

 

Neu erschienen: E.T.A. Hoffmann (1822–2022) – transdisziplinäre und transnationale Perspektivierungen, hrsg. von Lacheny/Viallet

Zum Inhalt

E.T.A. Hoffmann (1776–1822) ist einer der wichtigsten deutschen Erzähler des Märchenhaften und Wunderbaren. Der Meister des ­Phantastisch-Unheimlichen und des Grotesken gilt vielen als Hauptvertreter der „Schwarzen Romantik“. Sein Leben stand im Spannungsfeld von kreativem Genie und (selbst-)zerstörerischer Exzentrik. Hoffmann war und ist Inspirationsquelle für Kunstschaffende jeglicher Couleur und Herkunft. Dieser Band würdigt den facettenreichen Autor. In inter- und transdisziplinären Beiträgen hinterfragen die Autorinnen und Autoren die Gründe und Ursachen für die fortwährende Aktualität der Hoffmannschen Welt. Ihre Texte untersuchen zudem die Auswirkungen von E.T.A. Hoffmanns Werk auf das zeitgenössische Schaffen in den bildenden und visuellen Künsten. Sie geben damit neue Impulse für Forschung, Kunst und Literatur.

Herausgeberinnen

Dr. habil. Ingrid Lacheny lehrt Germanistik an der Universität Lothringen in Metz (Frankreich). Sie forscht und publiziert u. a. zur deutschen Romantik, zu Erzähltheorien, zum Wunderbaren und Phantastischen sowie zu inter- und transmedialen Themen.

Dr. Patricia Viallet ist Dozentin für Neuere Deutsche Literatur und deutsche Sprache an der Universität Jean Monnet in Saint-Étienne (Frankreich) und Mitglied des Forschungszentrums IHRIM/Saint-Étienne. Sie forscht und publiziert u. a. zu Literatur und Ästhetik der deutschen Romantik sowie zu Intermedialität.

Unheimlich Fantastisch - E.T.A. Hoffmann 2022

Virtuelle Ausstellung „Unheimlich Fantastisch – E.T.A. Hoffmann 2022“

Anlässlich des 200. Todesjahres 2022 präsentierte die Ausstellung Unheimlich Fantastisch – E.T.A. Hoffmann 2022 Leben und Werk des vielbegabten Künstlers in der Staatsbibliothek Bamberg, der Staatsbibliothek zu Berlin und dem Deutschen Romantik-Museum in Frankfurt am Main.

Nun haben wir alles rund um E.T.A. Hoffmann in einer virtuellen Ausstellung in der Deutschen Digitalen Bibliothek für Sie zusammengestellt. In sieben Kapiteln finden Sie Exponate aus allen drei Standorten, Einblicke in die Ausstellungsräume, Kunstwerke und Installationen, die für die Ausstellung angefertigt oder durch sie in neuen Zusammenhang gestellt wurden, und Beispiele aus dem umfangreichen Rahmenprogramm. Ergänzt wird diese Dokumentation durch musikalische Inhalte, Textausschnitte aus Hoffmanns Werken und weiterführende Informationen.

Wir laden Sie herzlich ein, mit E.T.A. Hoffmann auf eine unheimlich fantastische Reise zu gehen!

 

Das Projekt Unheimlich Fantastisch – E.T.A. Hoffmann 2022 wurde gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, durch die LOTTO-Stiftung Berlin, die Kulturstiftung der Länder, die Wüstenrot Stiftung, die Kulturinitiative „experimente#digital“ der Aventis Foundation, den Kulturfonds Frankfurt RheinMain, die Oberfrankenstiftung, die Stiftung Preußische Seehandlung, die Stiftung Joseph Breitbach sowie die E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft.

CfP: „Je est un autre“. Der Doppelgänger in Literatur und Film (01.10.2023)

by Noëlle Miller

Der Workshop findet vom 14.12-16.12. 2023 am Institut für Romanistik der Universität Wien statt.

Mit dem Aufkommen des Individualismus im 17. Jahrhundert lässt sich ein wachsendes Interesse am Selbst und der eigenen Erfahrung (wie z.B. in Les Essais von Michel de Montaigne, in dem es vor allem um die Erforschung des „Moi“ geht) und damit auch an unbewussten Trieben, Wünschen und Träumen beobachten. Der Doppelgänger bietet eine mögliche Darstellung für ein Subjekt, das als komplex und vielschichtig verstanden wird. Dimitris Vardoulakis sieht die Entstehung des Doppelgängers sogar als literarische Antwort auf die Subjektivitätsphilosophien des aufgeklärten 17. Jahrhunderts, die das Subjekt als autonom und sich selbst transparent betrachten (Dimitris Vardoulakis 2010: The Doppelgänger. Literature’s Philosophy). Diese literarische Kritik eines aufgeklärten Subjekts nimmt insofern die Nachkriegsphilosophien der Postmoderne vorweg (Derrida, Lacan, Deleuze, Lyotard).

Im Kontext von Denkströmungen wie der Transhumanismus und die Entwicklung neuer Technologien (ChatGPT, Metaversen usw.) gewinnt dieses Thema nicht zuletzt an Aktualität, weil es dabei um Werkzeuge und Strategien geht, die den Vollzug von Ritualen und Routinen im Alltag prägen (Henri Lefebvre). Was einst eine romantische (Künstler-)Fantasie war, kann potenziell naturwissenschaftlich realisiert werden. Auf der einen Seite erweitern die Technologien den Subjektbegriff, auf der anderen stoßen sie an die Grenzen des Bewusstseins und das Geheimnis des Menschseins. Meistens bleibt es also bei einer Fantasie, die Literatur und Film gerne aus- und durchspielen. In der Fiktion selbst ist unbestritten, dass Alltagsmenschen durch übermenschliche Kräfte zu Superhelden oder durch einen Fluch zu Monstern werden können. Beispiele dafür sind

In der Literatur: Jean Pauls Siebkäs (1797), Michel Houellebecqs La carte et le territoire, Saramagos O Homem Duplicado (2002), Borges El otro (1975), Maupassants Le Horla (1886), Marquis de Sades Justine et les malheurs de la vertu (1787), Dostojewskis Der Doppelgänger (1846), E.T.A. Hoffmann Die Abenteuer der Silvesternacht (1815), Mary Shelleys FrankensteinPrometheus Unbound (1818), Théophile Gautiers Avatar (1857), Charles Baudelaires Les paradis artificiels (1860), Benito Pérez Galdós’ La sombra (1870/1871), Luigi Pirandellos Il fu mattia Pascal (1904), Italo Calvinos Il visconte dimezzato (1951), Camille Laurens Celle que vous croyez (2016), Samanta Schweblins Kentukis (2018) oder Karoline Georges De Synthèse (2017).

Im Film: Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (1920), Brombergs Der Elektrische Doppelgänger (1979), Spike Jonzes Being John Malkovich (1999), Garlands Annihilation (2018) und das Universum der Superhelden mit ihren Anverwandlungen in Literatur, Graphic Novel und Film.

Welche Vorstellungen des Ichs liegen diesen Darstellungen zugrunde? Wie verhält sich die Darstellung des Doppelgängers zu historischen und technologischen Entwicklungen? Welche Wirkungen werden mit dem Doppelgänger ausgelöst (Angst, Humor, Konfusion usw.)?

Die Tagung ist den literarischen und filmischen Darstellungen von Doppelgängern gewidmet. Beiträge zu den angeführten und weiteren Fragestellungen zum Thema Doppelgänger, gern mit Bezug auf die romanischen Sprachräume, sind herzlich willkommen. Die Konferenzsprache ist Deutsch und eine Veröffentlichung der Vorträge ist geplant. Wir freuen uns über Abstracts (500 Wörter) mit kurzem CV bis zum 1. Oktober 2023 an: santiago.contardo.martinez@univie.ac.atnoelle.miller@univie.ac.atjoerg.tuerschmann@univie.ac.at. Die ausgewählten Vortragenden werden mit einem Reisekostenzuschuss unterstützt